Auch wer nicht zählen kann zählt

Schule für Kinder mit geistigen Behinderungen

Kinder mit geistigen Behinderungen haben in Russland keine Lobby. Wer sein behindertes Kind zu Hause großzieht, ist völlig auf sich allein gestellt. Ohne staatliche Hilfe, ohne Einrichtungen zur Betreuung und Förderung der Kinder und häufig noch mit der Bürde, dass diese Kinder von der Umgebung als Fluch angesehen werden, sind die Familien enorm belastet. Ihnen wird empfohlen, ihre Kinder in einem speziellen Internat unterzubringen. Die Situation in diesen Heimen ist erschütternd, die Kinder werden nur verwahrt, es erfolgt keine Förderung.

Gemeinsam mit unserem Partner Radimitschi bieten wir diesen Kindern eine Entwicklungschance und unterstützen auch die Familien. 1997 wurde eine Spiel- und Begegnungsstätte eröffnet, in der Kinder mit geistigen Behinderungen erstmals gezielte Förderung und Betreuung angeboten wurde.

Radimitschi fand für dieses Projekt zuverlässige Lehrerinnen, Pro-Ost deutsche Sonderpädagogen, die alle bereit waren, sich auf die neue Herausforderung einzulassen und Schulungen und Austausch zu initiieren.

2004 ist es Pro-Ost gelungen, eine Förderung durch die Europäische Union in Höhe von 200.000 € zu bekommen und so die Tagesstätte zu einer Sonderschule nach deutschem Vorbild aufzubauen. Die Räumlichkeiten wurden behindertengerecht renoviert und möbliert. Therapeutisches Material wurde angeschafft. Die Lehrer wurden umfassend geschult, sowohl von Ort in Nowosybkow als auch durch Hospitationen und Weiterbildungen in Deutschland. Mittlerweile werden 20 Kinder mit geistigen Behinderungen ganztags in zwei Klassen unterrichtet. Sie erhalten ein Mittagessen und ein Fahrdienst sorgt für den Transport. Für jedes Kind werden individuelle Therapien und Förderpläne erarbeitet, Pädagogen, Logopäden und Physiotherapeuten arbeiten hier eng zusammen.

Auch den behinderten Jugendlichen soll  nach der Schule eine Perspektive geboten werden.  Als ersten Schritt wurde ein Werkunterricht in der Schule eingeführt, um handwerkliche Fähigkeiten zu fördern, der nächste Schritt soll die Einrichtung einer Werkstatt sein. 

Darüber hinaus werden Öffentlichkeit und Politik über die Rechte und Fähigkeiten von Kindern mit Behinderungen aufgeklärt. Eine Elternberatungsstelle dient als Anlaufstelle für Sorgen und Nöte der Eltern, informiert diese über Rechte und finanzielle Hilfen und bietet Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen. Mit dem Aufbau eines Netzwerks ist es gelungen, zu anderen russischen Organisationen einen engen Kontakt aufzubauen und gemeinsam für die Rechte der Menschen mit Behinderungen einzutreten.