
In der Nacht auf den 26. April 1986, um 1.23 Uhr ereignete sich die schwerste Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie und für hunderttausende Menschen ging Ihre Welt verloren: Ein scheinbar harmloses Experiment im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl wird fehlerhaft ausgeführt und gerät außer Kontrolle.
Die Katastrophe ist nicht zu verhindern. Eine mächtige Explosion zerreißt den Reaktor 4 des Kernkraftwerks. Hochradioaktiver Brennstoff und verstrahlte Betonbrocken werden aus dem Inneren des Reaktors nach draußen geschleudert und machen ganze Landstriche unbewohnbar. Der Reaktorkern fängt Feuer. Die hohen Temperaturen tragen dazu bei, dass die radioaktive Staubwolke bis in die Stratosphäre aufsteigt.
Die freigesetzte Strahlung ist 200 Mal so hoch wie die der Hiroshima Bombe. Die Freisetzungsdauer betrug 10 Tage mit sich ständig ändernden Windrichtungen und Wetterverhältnissen. Dadurch ergab sich eine Verteilung der radioaktiven Ablagerung von 70% in Belarus und je 15% in der Ukraine und in Russland.
Erst 36 Stunden später werden die etwa 50.000 Menschen der nur 3 Kilometer entfernten Plattenbausiedlung Pripjat, in der Arbeiter des Kraftwerkes mit Ihren Familien leben, evakuiert. Während der kommenden Wochen werden noch einmal über 65.000 Leute aus ihren hoch kontaminierten Wohnorten innerhalb der 30-km-Zone um den Reaktor in andere Regionen umgesiedelt. Auch später müssen immer noch Zehntausende aus ihren Heimatsorten wegziehen, da immer wieder schwer verstrahlte Flächen gefunden werden. Zuverlässige Kartierungen der kontaminierten Landflächen der GUS gab es erst seit 1989, allerdings dann nur für das Leitnuklid Cäsium 137 mit 30 Jahren Halbwertszeit.
Nach Schätzung der WHO liegt die Zahl der Menschen, die bei den Aufräumarbeiten am Reaktor und dessen Umgebung eingesetzt waren, bei 800.000. Sie werden „Liquidatoren“ genannt. Teilweise werden sie nur für 2 Minuten am hochverstrahlten Reaktor eingesetzt und bekommen dort die 30-fache Lebensstrahlendosis in Sekunden. Man muss davon ausgehen, dass bis heute 50.000 bis 100.000 Liquidatoren gestorben sind. Die anderen leiden an Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Problemen, Lungenkrebs, Entzündungen des Magen-Darm-Bereichs, Tumoren und Leukämie.
Für alle Krebsformen, insbesondere dem häufigen Schilddrüsenkrebs finden sich in der „normalen“ Bevölkerung immer noch steigende Zahlen. Die Bevölkerung lebt weiter in den hoch verstrahlten Gebieten und bekommt eine dauerhafte Niedrigstrahlung durch Boden, Wasser, Luft, Pflanzen, Tiere und Nahrung. Gras und Heu als Futter für Milchkühe sind hoch kontaminiert und somit auch alle Milchprodukte, die vor der Abgabe zwar gemessen werden, jedoch nach der Freigabe immer noch die 20fache Strahlung wie unsere Lebensmittel haben.
Deshalb entsteht im Zentrum von Radimitschi ein sozialmedizinisches Programm, dass der gesamten Bevölkerung in der dort verstrahlten Region zu Gute kommen soll. Es wurde ein Tschernobylmuseum zur Aufklärung der Bevölkerung über Ernährung, Niedrigstrahlung sowie Strahlenunterricht für Schulen aufgebaut. In diesem Zusammenhang erfolgen medizinische Informationen der Bevölkerung sowie Gesundheitstage für Erwachsene und Kinder. Dies wird auch in allen Schichten des Kinderferienlagers Nowocamp stattfinden. Eingebettet in das Projekt „Sozialmedizin“ wird seit Jahren das dauerhafte Screening mit moderner Ultraschalldiagnostik wegen der erhöhten Rate an Schilddrüsenkrebs in der Region durchgeführt. Hier werden auch Vorsorge und Aufklärung verbunden. Russische und deutsche Ärzte arbeiten Hand in Hand. Patienten mit Auffälligkeiten werden gezielter Diagnostik zugeführt, bösartige Erkrankungen frühzeitig selektiert und der definitiven Therapie zugeführt. Die Projekte verbessern die medizinische und sozioökonomische Situation der Kinder und schaffen neue Strukturen und Perspektiven für die Menschen einer ausblutenden und vergessenen Region.